Für Bekleidungshändler in Deutschland lohnt sich RFID besonders, wenn Beschäftigte viele Kleidungsstücke zählen oder Warenbewegungen erfassen. RFID steht für Radiofrequenz-Identifikation. Die Technik nutzt Funk, damit Lesegeräte Kennzeichnungen an Artikeln berührungslos auslesen. So lassen sich Bestände schneller prüfen und verlässlichere Daten für Nachschub und Onlinebestellungen gewinnen.
Der Nutzen setzt voraus, dass Lieferanten die Ware passend kennzeichnen, Lesegeräte und Warenwirtschaft zusammenspielen und Beschäftigte die erfassten Daten im Ladenalltag nutzen. RFID allein garantiert weder höhere Umsätze noch, dass sich die Investition in einer bestimmten Zeit rechnet.
Was RFID im Laden erfasst
Ein RFID-Etikett trägt eine Kennung, die ein Lesegerät per Funk auslesen kann. Anders als beim Barcode muss das Lesegerät den Code nicht einzeln sehen. Ein Handgerät kann beispielsweise mehrere Kleidungsstücke erfassen, während eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter an einer Kleiderstange entlanggeht.
Bei einzelnen Artikeln verbindet ein elektronischer Produktcode (EPC) die Funkkennung mit der Identität des Artikels. Welche Angaben das Warenwirtschaftssystem zu dieser Kennung speichert, legt der Händler fest. Die Kennung allein enthält weder ein vollständiges Warenprofil noch den Aufenthaltsort eines Kleidungsstücks. RFID misst auch keine Eigenschaften wie Temperatur oder Bewegung, sofern der Tag nicht ausdrücklich mit entsprechender Sensorik ausgestattet ist.
Im Bekleidungshandel müssen Funkfrequenz, Übertragungsregeln, Antenne, Etikett und Lesegerät zusammenpassen. Passive UHF-Tags, also Etiketten für ultrahohe Frequenzen, beziehen beim Auslesen Energie aus dem Funkfeld. Sie senden ihre Kennung zurück, indem sie das Funksignal zurückstreuen. Wie gut ein Lesegerät die Kennung erfasst, hängt unter anderem von der Bauform, der Montage und der Umgebung ab. NFC (Nahfeldkommunikation) ist eine Funktechnik für sehr kurze Entfernungen. NFC-Geräte und andere RFID-Systeme sind nicht automatisch miteinander kompatibel.

Wo RFID den Aufwand senkt
Am meisten hilft RFID beim Wareneingang, bei Inventuren und bei der Bestandskontrolle. Mitarbeitende können Lieferungen auf Abweichungen prüfen und Bestände häufiger erfassen, ohne jeden Barcode einzeln zu scannen. Das erleichtert auch die Suche nach fehlenden Größen oder Farben und unterstützt den Nachschub.
Verlässlichere Bestandsdaten sind zudem eine Grundlage für Onlinebestellungen aus Filialbeständen. Sie helfen dabei, verfügbare Ware besser einzuschätzen. Ob daraus tatsächlich weniger Fehlbestände oder mehr Verkäufe entstehen, hängt davon ab, wie aktuell die Daten sind und wie der Händler sie in seinen Bestell- und Verkaufsabläufen verwendet.
Händler können RFID auch für Retouren und Verkäufe nutzen. Eine automatische Erfassung an der Kasse ist jedoch eine eigene Anwendung mit eigenen Anforderungen. Eine EHI-Auswertung aus dem Jahr 2023 beschrieb solche Kassenlösungen damals als wenig verbreitet und verwies auf erste Pilotprojekte. Diese historische Einschätzung sagt nichts Verlässliches über die heutige Verbreitung aus.
Was RFID-Pilotprojekte im Modehandel zeigen
Der norddeutsche Modehändler Pier 14 ließ in einem Testlauf laut einer Fallbeschreibung seines Lösungsanbieters 5.000 Teile in 20 Minuten sichten. Der Händler bekam Ware von Marc O’Polo und Superdry bereits mit RFID-Etiketten. Artikel anderer Lieferanten musste er selbst nachträglich kennzeichnen. Die Lösung war mit der Warenwirtschaft verbunden.
Der Test zeigt, dass sich Ware in diesem Filialprozess schnell erfassen ließ. Wie viel Arbeit RFID spart, hängt auch davon ab, ob Lieferanten die Artikel bereits kennzeichnen. Die genannte Zeit stammt aus einem einzelnen Test, den der Anbieter veröffentlicht hat. Sie ist kein allgemeiner Leistungswert für andere Filialen.
Auch eine ältere Untersuchung zum Projekt von Kaufhof und Gerry Weber berichtet von Zeit- und Arbeitseinsparungen, die in diesem Pilotprojekt die RFID-Kosten überstiegen. Die Erprobung fand 2003 in ausgewählten Warenverteilzentren und Warenhäusern statt. Der Befund belegt daher keine heutige Rendite für andere Händler, zeigt aber, dass ein klar abgegrenzter Warenprozess wirtschaftlich sein kann.
So planen Sie einen Pilotversuch
Beginnen Sie mit einem konkreten Engpass, etwa aufwendigen Inventuren oder häufigen Bestandsabweichungen in einer Warengruppe. Legen Sie vor dem Start fest, welche Artikel gekennzeichnet werden, wer die Tags anbringt und an welchen Stellen Mitarbeitende sie auslesen. Wenn Lieferanten die Artikel nicht kennzeichnen, müssen Sie den Aufwand für das nachträgliche Anbringen der Etiketten einplanen.
Klären Sie außerdem, wie die Kennung in der Warenwirtschaft einem Artikel und gegebenenfalls einer Größe oder Farbe zugeordnet wird. Lesegeräte müssen zu den verwendeten Tags passen. Für Bestandsrundgänge brauchen Sie andere Stellen zum Auslesen der Etiketten als beim Wareneingang. Die Daten müssen außerdem in die Abläufe für Nachschub und Onlinebestellungen einfließen. Sonst lesen Beschäftigte die Etiketten zwar schneller aus, haben dadurch aber keine bessere Grundlage für ihre Entscheidungen.
Messen Sie im Pilotversuch die Inventurzeit, die Abweichung zwischen gezähltem und gespeichertem Bestand sowie den Aufwand für die Kennzeichnung. Prüfen Sie auch, ob die erfassten Bestände im Verkauf und in den Onlinekanälen tatsächlich brauchbar sind. Vergleichen Sie diese Ergebnisse mit den Kosten für Tags, Lesegeräte, Integration, Wartung und laufende Kennzeichnung.

Wie verbreitet RFID im Handel ist
Eine EHI-Erhebung zu Technologietrends im Handel 2025 beruht auf persönlichen Interviews mit IT-Verantwortlichen aus 119 Handelsunternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Demnach nutzen 27 Prozent der befragten Handelsunternehmen RFID für einzelne Artikel oder planen konkrete Projekte. Das EHI nennt den Modehandel als Bereich mit Anwendungen und konkreten Planungen, veröffentlicht in der frei zugänglichen Zusammenfassung aber keine eigene Quote für Modeunternehmen.
Eine ältere EHI-Erhebung mit Interviews aus den Jahren 2022 und 2023 wies für den gesamten Handel 15 Prozent aktuellen RFID-Einsatz und 11 Prozent konkrete Planungen aus. Auch diese Werte lassen sich nicht als Anteil deutscher Bekleidungshändler lesen. Die verfügbaren Zahlen zeigen Interesse und Nutzung im Handel, liefern aber keine genaue Marktquote für deutsche Modegeschäfte.
Kosten, Funkregeln und Datenschutz
Es gibt keinen festen Stückpreis für RFID im Bekleidungshandel und keine aktuelle Renditerechnung, die für jeden Händler passt. Die Kosten hängen unter anderem davon ab, wie viele Artikel der Lieferant bereits kennzeichnet, welche Lesegeräte nötig sind und wie aufwendig die Verbindung zur Warenwirtschaft ist. Pauschale Aussagen zu Umsatzsteigerungen oder Amortisationszeiten sind deshalb nicht belastbar.
Prüfen Sie bei der Auswahl die geltenden Frequenzvorgaben der Bundesnetzagentur und die Datenblätter der konkreten Geräte und Tags. Reichweite und Lesbarkeit hängen von der eingesetzten Technik und den Bedingungen vor Ort ab. Ein Praxistest mit den eigenen Kleidungsstücken und den vorgesehenen Lesepunkten ist aussagekräftiger als ein allgemeiner Reichweitenwert.
Ein Produktcode auf einem Tag ist für sich genommen noch kein Personenprofil. Datenschutzfragen entstehen insbesondere dann, wenn Händler die Kennung mit Informationen über eine konkrete Person verknüpfen. Informieren Sie Kundinnen und Kunden verständlich darüber, welche Kennzeichnung an der Ware bleibt und wie sie nach dem Kauf damit umgehen können. Ob ein Tag entfernt oder deaktiviert werden muss, lässt sich nicht pauschal für alle RFID-Etiketten beantworten. Sobald personenbezogene Daten verarbeitet werden, sind die Anforderungen der Datenschutz-Grundverordnung und des Bundesdatenschutzgesetzes zu prüfen.



